„Drei miteinander verbundene Krisen – der Klimawandel, der Verlust der Artenvielfalt und die Umweltverschmutzung – gefährden das globale wirtschaftliche und gesellschaftliche Wohlergehen“ (UNEP 2021).
Wir haben bereits in der Vergangenheit darüber geschrieben, wie die Umweltverschmutzung durch Chemikalien den Verlust der Artenvielfalt maßgeblich antreibt und auch schon mehrere Berichte über ihre Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt veröffentlicht. Doch wie sind die Chemikalienbelastung und die Klimakrise miteinander verknüpft? In diesem Artikel möchten wir vier relevante Aspekte näher beleuchten:
- Die Belastung mit problematischen Chemikalien kann Spezies, die ohnehin schon unter dem Klimawandel leiden, noch mehr gefährden
- Der Klimawandel kann die Auswirkungen von Chemikalienbelastung verschärfen
- Der Klimawandel führt dazu, dass noch mehr schädliche Chemikalien in die Umwelt freigesetzt werden
- Die Chemieindustrie ist für hohe Treibhausgasemissionen verantwortlich.
Die komplexen Verbindungen zwischen dem Klimawandel, der Chemikalienbelastung und dem Verlust der Artenvielfalt
Die Forschung zeigt, dass der Klimawandel Tiere, Pflanzen und Ökosysteme anfälliger gegenüber der Umweltverschmutzung durch Chemikalien machen kann. Das kann sich dann, wie ein Domino-Effekt, auch auf Menschen auswirken.
Für Lebewesen, die schon jetzt stark vom Klimawandel betroffen sind, wie die in den Polarregionen, ist der Kontakt mit giftigen Chemikalien ein weiterer, kritischer Stressfaktor, der ihre Überlebenschancen beeinflusst.
Wie die Kombination aus Klimawandel und Chemikalienbelastung ohnehin bereits bedrohte Arten noch mehr gefährdet, wird anhand des Beispiels vom Eisbären deutlich:
Eine Studie aus dem Jahr 2017 zeigt, dass die Kombination aus Schadstoffbelastung und dem Rückgang des Meereises die Fähigkeit von Eisbären beeinträchtigt, Energie über Fett zu speichern, um in Zeiten der Nahrungsknappheit zu überleben. Einerseits führt der Rückgang des Meereises dazu, dass die Hungerperioden länger werden und die Möglichkeiten der Nahrungssuche weniger, wodurch die Eisbären geschwächt werden. Und bei geschwächten Eisbären ist ein erhöhter Gehalt an persistenten (langlebigen) Schadstoffen im Fettgewebe festgestellt worden. Andererseits beeinträchtigen diese Schadstoffe den Fettstoffwechsel, also die Fähigkeit von Meeressäugetieren, Fett zu produzieren. Die Studie fand heraus, dass die Auswirkungen der Schadstoffbelastung auf den Fettstoffwechsel der Eisbären bei starkem Klimastress, also etwa bei wenig Meereis, viel stärker waren.
Die Forschung zeigt auch, dass Veränderungen von externen Parametern wie Temperatur, Salz- und Säuregehalt durch den Klimawandel auch die Art und Weise verändern können, wie Chemikalien auf Organismen wirken – und damit auch, wie toxisch sie sind.
Beispielsweise ist nachgewiesen worden, dass die Giftigkeit von belasteten marinen Sedimenten durch die Ozeanversauerung steigen kann, was dann die Ökosysteme des Meeresbodens beeinträchtigt. In einer anderen Studie stellte sich ein Organophosphorpestizid bei erhöhtem Salzgehalt als 30-mal tödlicher für Silberlachse heraus als bei niedrigerem Salzgehalt. Wiederum andere Studien haben gezeigt, wie Temperaturerhöhungen dazu führen können, dass Pestizide oder Polychlorierte Biphenyle (PCB) noch toxischer werden.
Zu diesen komplexen Zusammenhängen und Wechselwirkungen kommt hinzu:
Der Klimawandel und die Umweltverschmutzung durch Chemikalien verstärken sich gegenseitig – doch wie?
Immer höhere Temperaturen, extreme Wetterereignisse, schmelzende Eisschilde, steigender Meeresspiegel – all diese nachgewiesenen Merkmale des Klimawandels können bewirken, dass noch mehr schädliche Chemikalien in die Umwelt gelangen. Hier einige Beispiele:
- Polareis und hochgelegene Gletscher sind Senken der gefährlichsten chemischen Schadstoffe des vergangenen Jahrhunderts. Aus diesen giftigen Speichern gelangen sie nun wieder in Ozeane und Süßwasser. PFAS strömen aus den schmelzenden Gletschern des tibetanischen Plateaus und verunreinigen flussabwärts gelegene Seen und Bäche, Quecksilber entkommt aus den tauenden Permafrostböden. Einige Modelle sehen aufgrund der Eisschmelze durch den Klimawandel einen bis zu vierfachen Anstieg verbotener persistenter organischer Schadstoffe („persistent organic pollutants“ auf Englisch, kurz POPs) in arktischen Gewässern voraus.
- Höhere Temperaturen und geringere Niederschlagsmengen verstärken die Verflüchtigung von POPs und Pestiziden in die Atmosphäre, was wiederum erhöhte Luftverschmutzung bedeuten kann.
- Häufigere, intensivere Stürme führen zu häufigeren, schwerwiegenderen industriellen Chemieunfällen. Nachdem „Ida“, ein Hurrikan der Kategorie 4, im August 2021 den US-Bundesstaat Louisiana verwüstete, gab es Meldungen von über 350 Öl- und Chemieunfällen, welche die Gewässer des Golfs von Mexiko und den Mississippi verunreinigten.
- Ein steigender Meeresspiegel und stärkere Überschwemmungen bedrohen auch alte Mülldeponien in Küstengebieten und Schwemmland, möglicherweise voll von verbotenen, schädlichen Chemikalien. In Europa existieren Zehntausende solcher Deponien, bei denen das Risiko besteht, dass die dort enthaltenen Schadstoffe direkt in die Umwelt gelangen.
Darüber hinaus können sich Veränderungen im Klima auf die direkte Verwendung und Freisetzung synthetischer Chemikalien auswirken. Prognosen sagen voraus, dass es durch zukünftig vermehrte Ausbrüche von Schädlingen und Krankheiten zu mehr Pestizideinsatz kommen wird. Ein weiteres Beispiel ist die Zunahme von Waldbränden auf der ganzen Welt, die dazu führt, dass bei der Bekämpfung mehr Löschchemikalien in die Umwelt gelangen.
Wie befeuert die Chemikalienproduktion die Klimakrise?
Wie jede Industrie, die auf fossile Brennstoffe als Rohstoffe und Energiequelle angewiesen ist, stößt auch die Chemieindustrie Treibhausgase aus und trägt damit in erheblichem Maße direkt zur Klimakrise bei. Denn die Chemieindustrie:
- nutzt von allen Industrien die meisten fossilen Brennstoffe, sowohl als Rohstoffe als auch als Energiequelle, und
- stößt von allen Industrien die drittgrößte Menge an CO2 aus.
In jeder Phase des Lebenszyklus von Chemikalien werden Treibhausgase freigesetzt – von der Produktion über die Verwendung bis hin zur Entsorgung. Beispielsweise wurde berichtet, dass bei der Produktion der „ewigen Chemikalien“ PFAS HCFC-22 ausgestoßen wird, ein Treibhausgas, das 5.000-mal stärker ist als CO2.
Die weltweite Chemieproduktion wächst exponentiell. Zwischen 2000 und 2017 hat sie sich verdoppelt, Schätzungen erwarten bis 2030 eine erneute Verdoppelung. Dieses Wachstum führt nicht nur dazu, dass mehr und mehr schädliche Chemikalien in die Umwelt gelangen – sondern könnte, Prognosen zufolge, die petrochemische Industrie im nächsten Jahrzehnt auch zu einem der Haupttreiber der steigenden Nachfrage nach fossilen Brennstoffen befördern.
Schlussfolgerungen
Wie in diesem Artikel gezeigt, sind synthetische Chemikalien ein Teil des komplexen Puzzles, das wir dringend lösen müssen, um die Auswirkungen der drei planetaren Krisen von Klimawandel, Verlust der Artenvielfalt und Umweltverschmutzung zu lindern.
Teil des Puzzles bzw. seiner Lösung ist es, die Schadstoffbelastung von Menschen, Tieren, Pflanzen und der gesamten Umwelt zu verringern und die Menge an Treibhausgasemissionen, die durch die Produktion und Verwendung von Chemikalien entsteht, zu reduzieren.
Die Schadstoffbelastung muss dringend vermindert werden
Im Oktober 2021 hat der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen (UNHRC) in seiner Resolution 48/13 erstmalig anerkannt, dass eine saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt ein Menschenrecht ist. Die damalige Hohe Kommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, sagte, in der Resolution gehe es um den Schutz der Menschen und „der natürlichen Systeme, die Grundvoraussetzungen für die Leben und Lebensunterhalte aller Menschen sind.“
Die Menge an schädlichen Chemikalien in unserem Alltag und der Umwelt zu reduzieren, ist ein entscheidender Schritt, um die allgemeine Belastung von Menschen, Tieren und Pflanzen in diesen Zeiten der Klimakrise zu verringern.
CHEM Trusts Empfehlungen
In Bezug auf Industriechemikalien, wie sie beispielsweise in Alltagsprodukten zum Einsatz kommen, sollten alle Länder unter anderem folgende Maßnahmen dringend ergreifen, um die Menge an gefährlichen Chemikalien zu reduzieren:
- Gruppierung von Chemikalien, um die Regulierung gefährlicher Stoffe zu beschleunigen;
- Berücksichtigung von Chemikaliencocktails in Chemikalienregulierungen, um Menschen, Flora und Fauna vor Kombinationseffekten zu schützen
- Standardmäßiges Verbot der gefährlichsten Chemikalien in Verbraucherprodukten, einschließlich endokrin wirkender Substanzen, um die Belastung zu verringern
- Verwendung von „ewigen Chemikalien“ (PFAS) und anderen sehr langlebigen Chemikalien schrittweise einstellen, um jetzige und zukünftige Generationen vor womöglich unumkehrbaren Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt zu schützen;
- Sicherstellen, dass Produkte von Natur aus schadstofffrei sind, damit ihre Materialien in einer sauberen Kreislaufwirtschaft leichter wieder in Umlauf gebracht werden können
- Kontaminierte Standorte reinigen, wo und wann immer möglich, um die schädlichen Auswirkungen der Altlasten zu verringern.
Viele dieser Maßnahmen sind auch in der Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit aufgeführt, die die Europäische Kommission 2020 veröffentlicht hat. Eine schnelle, vollständige Umsetzung dieser Strategie stellt einen bedeutenden Schritt in Richtung einer schadstofffreien Zukunft dar. Und wir hoffen, dass viele dieser Maßnahmen auch in anderen Ländern und auf globaler Ebene eingeführt werden.
Dr. Anna Watson, Head of Advocacy von CHEM Trust, sagte:
„Um die Krisen zu lösen, mit denen unser Planet und die Menschheit derzeit konfrontiert werden, braucht es Maßnahmen in allen Bereichen. Der Chemiesektor spielt eine wichtige Rolle dabei und muss sowohl seine eigenen Treibhausgasemissionen reduzieren als auch umwelt- und gesundheitsschädliche Chemikalien.
Globale, regionale und nationale Regulierungsbehörden müssen ebenfalls dringend handeln, um sicherzustellen, dass die gefährlichsten Chemikalien schrittweise aus dem Verkehr gezogen werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass sich die Auswirkungen des Klimawandels auf Menschen, Tiere und Pflanzen weiter verschärfen.“
Weiterführende Literatur:
- „Chemikalien, Abfälle und der Klimawandel: Verknüpfungen und Potenziale für koordiniertes Handeln.“ (Chemicals, wastes and climate change: Interlinkages and potential for coordianted action.) Ein Bericht der Sekretariate der Vereinten Nationen der Übereinkommen von Basel, Minamata, Rotterdam und Stockholm (Mai 2021)
- „Mit der Natur Frieden schließen: Ein wissenschaftlicher Entwurf, um die Notstände des Klimas, der Artenvielfalt und der Umweltverschmutzung anzugehen.“ (Making Peace With Nature: A scientific blueprint to tackle the climate, biodiversity and pollution emergencies.) UNEP (Februar 2021).
