EU-weite Studie zeigt: Bevölkerung mit problematischen Chemikalien belastet

Forschungsergebnisse aus umfassenden Studien des Human-Biomonitorings haben ergeben, dass die Bevölkerung europaweit in großem Umfang schädlichen Chemikalien ausgesetzt ist.

Ende April kamen auf der Abschlusskonferenz des Forschungsprojekts HBM4EU politische Entscheidungsträger:innen, Wissenschaftler:innen sowie Vertreter:innen der Zivilgesellschaft und der Industrie aus ganz Europa zusammen, um die neuesten Humanbiomonitoring-Daten zu schädlichen Chemikalien zu diskutieren. Die Konferenz hatte eine klare Botschaft: Es muss noch viel mehr getan werden, um die Bevölkerung vor den gesundheitlichen Folgen der Chemikalienexposition zu schützen. Bei vielen Stoffen, wie z. B. den persistenten und giftigen PFAS-Chemikalien, sind Maßnahmen längst überfällig.

CHEM Trust war als Stakeholderorganisation an dem Projekt beteiligt und forderte im Rahmen einer Veranstaltung am 2. Juni, dringend Maßnahmen zu treffen, um die Bevölkerung besser zu schützen (siehe Präsentation hier).

Das HBM4EU ist ein europäisches Forschungsprojekt. An dem vom deutschen Umweltbundesamt koordinierten Projekt sind 116 Partnereinrichtungen aus 30 Mitgliedsländern beteiligt. Zwischen 2017 und 2022 baute das HBM4EU ein Netzwerk von Laboren in ganz Europa auf, um Humanbiomonitoring-Studien durchzuführen, Zusammenhänge zwischen der Chemikalienexposition und der menschlichen Gesundheit zu untersuchen und zu Fragen der Regulierung gefährlicher Chemikalien Stellung zu nehmen.

Schädliche Effekte können nicht ausgeschlossen werden

Das HBM4EU bewertete und harmonisierte vorhandene Daten und koordinierte neue Biomonitoring-Studien mit einem Fokus auf 18 prioritäre Stoffe/Stoffgruppen, darunter PFAS, Bisphenole, Phthalate und Flammschutzmittel. Es wurde festgestellt, dass die europäische Bevölkerung in hohem Maße exponiert ist.

Marike Kolossa, Koordinatorin von HBM4EU und Leiterin des Bereichs Toxikologie im deutschen Umweltbundesamt, legte dar, dass Kinder und Jugendliche in der gesamten EU den Plastikweichmachern Phthalaten und DINCH (einem Ersatzstoff) in teilweise bedenklichen Konzentrationen ausgesetzt sind. Metaboliten dieser Stoffe wurden in fast allen Proben nachgewiesen (siehe Seite 48 der HBM4EU-Konferenzzeitung).

Studienergebnisse zeigen, dass es eine breite Exposition gegenüber dem hormonellen Schadstoff Bisphenol A (BPA) gibt und weitere Maßnahmen zur Verringerung der Belastung erforderlich sind (siehe Seite 53 der HBM4EU-Konferenzzeitung). Wie Robert Barouki, Professor für Biochemie an der medizinischen Fakultät der Universität Paris, erläuterte, zeigen die Daten zu Bisphenol S und Bisphenol F, die häufig als Alternativen für BPA eingesetzt werden, außerdem, dass ihre Median-Werte im Urin in allen europäischen Regionen ansteigen (siehe Seite 52 der HBM4EU-Konferenzzeitung). Dies ist ein Hinweis auf eine „bedauerliche Substitution„, bei der ein (teilweise) regulierter Stoff durch ähnlich bedenkliche Stoffe ersetzt wird, und ist der Grund, warum CHEM Trust und andere Verbände die Beschränkung von Chemikaliengruppen fordern.

Die von Maria Uhl vom österreichischen Umweltbundesamt vorgestellten Forschungsergebnisse zeigen, dass mehr als 14 % der untersuchten europäischen Teenager Kombinationen von mehreren PFAS (PFOS + PFHxS + PFOA + PFNA) in ihrem Körper in Konzentrationen haben, welche höher sind als die von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit festgelegten sicheren Werte (siehe Seite 55 der HBM4EU-Konferenzzeitung). Dies bedeutet, dass ihre Gesundheit durch diese Chemikalien geschädigt werden kann. Die HBM4EU-Ergebnisse zu PFAS zeigen, dass es dringend notwendig ist, die Belastung zu verringern.

Daten unterstreichen Besorgnis über Chemikaliengemische

Die von HBM4EU durchgeführten Forschungsarbeiten unterstreichen die Notwendigkeit, die kombinierten Exposition gegenüber Chemikalien stärker zu berücksichtigen.

Professor Andreas Kortenkamp von der Brunel University London zeigte in seiner Präsentation anhand von Daten zur männlichen Fruchtbarkeit, dass die Exposition einer Person innerhalb sicherer Grenzen liegen kann, wenn nur eine Chemikalie (oder eine kleine Gruppe von Chemikalien) betrachtet wird. Je mehr Chemikalien jedoch in die Berechnungen einfließen, desto größer werden die Risiken, desto mehr erschöpfen sich die Sicherheitsmargen, und letztlich werden die sicheren Werte überschritten.

In der EU-Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit verpflichtet sich die EU-Kommission dazu, die Risiken durch die Exposition mit Gemischen zu berücksichtigen. Nach Ansicht von CHEM Trust muss ein Mischungsbewertungsfaktor (Mixture Assessment Factor, MAF) in alle Chemikalienbewertungen einbezogen werden, beginnend mit dem wichtigsten EU-Chemikaliengesetz REACH.

Ninja Reineke, wissenschaftliche Leiterin von CHEM Trust, sagte:

„Die EU-Chemikaliengesetzgebung gilt eine der besten der Welt. Trotzdem wurden schädliche gesundheitliche Auswirkungen nicht verhindert und Änderungen sind notwendig, um die Chemikalienrisiken für heutige und zukünftige Generationen zu minimieren.

Diese Ergebnisse sind ein Alarmsignal. Die Regulierung schädlicher Chemikalien im Rahmen der anstehenden politischen Reformen der EU muss beschleunigt werden. Es kommt jetzt darauf an,  die Ergebnisse zu nutzen, um vorsorgebasierte Entscheidungen für die Zukunft zu treffen

Das Human-Biomonitoring ist ein sehr wichtiges Instrument, für das mehr Ressourcen benötigt werden. Humanbiomonitoringdaten sollten aber niemals Voraussetzung für politische Maßnahmen werden. Das Ziel sollte immer sein, die Exposition gegenüber schädlichen Chemikalien von vornherein zu vermeiden“.

Kommentare der Europäischen Kommission und der Europäischen Umweltagentur

Christina de Avila, Leiterin des Referats für sichere und nachhaltige Chemikalien in der GD Umwelt, betonte ihre Besorgnis über die chemische Verschmutzung und verglich sie mit der Klimakrise. Sie erklärte, dass die Daten des HBM4EU-Projekts den Handlungsbedarf bei mehreren der gefährlichsten Chemikalien in Konsumgütern bestätigen, darunter PFAS, Bisphenole und Flammschutzmittel.

Viele dieser Stoffgruppen wurden im Rahmen von REACH, dem wichtigsten EU-Chemikaliengesetz, im April veröffentlichten „Fahrplan für Beschränkungen“ (EU Commission Roadmap) als einschränkungsbedürftig eingestuft. Lesen Sie hier die Reaktion von CHEM Trust.

Hans Bruyninckx, Direktor der Europäischen Umweltagentur (EEA), betonte, dass wir die sichere planetare Grenze für chemische Verschmutzung bereits überschritten haben. Die Chemikalienbelastung wurde neben dem Klimawandel und dem Artensterben als die dritte planetare Krise bezeichnet, und alle drei sind miteinander verbunden.

Die Zukunft: PARC

Ziele der Europäischen Partnerschaft für die Bewertung der Risiken von Chemikalien (PARC), die Mitte Mai in Paris ins Leben gerufen wurde und auf sieben Jahre angelegt ist, sind das „Vorantreiben der Forschung, der Austausch von Wissen und die Verbesserung der Kompetenzen im Bereich der Risikobewertung von Chemikalien“. Insgesamt sind 200 Partner aus 28 Ländern, nationalen Agenturen und Forschungseinrichtungen sowie der EEA, der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) beteiligt.

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