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Eine am 20. Mai veröffentlichte Studie von acht Non-Profit-Organisationen, darunter CHEM Trust, hat den weit verbreiteten Einsatz persistenter und schädlicher PFAS-Chemikalien in Einwegverpackungen nachgewiesen. Per- und Polyfluoralkylsubstanzen, kurz: PFAS, sind eine Gruppe von über 4.500 synthetischen Chemikalien. Aufgrund ihrer extremen Persistenz (Langlebigkeit) in der Umwelt, werden sie auch als „ewige Chemikalien“ bezeichnet. PFAS werden in einer Vielzahl von Konsumgütern und industriellen Anwendungen einschließlich Lebensmittelverpackungen verwendet, da sie fett- und wasserabweisend sind. Aufgrund ihrer möglichen gesundheitlichen Folgen – unter anderem können einige PFAS-Verbindungen Krebserkrankungen begünstigen und das Hormonsystem beeinträchtigen – drängt CHEM Trust auf eine EU-weite Regulierung dieser Stoffklasse, auch für Lebensmittelkontaktmaterialien.

42 Produkte aus sechs Ländern wurden analysiert

Im Rahmen der Untersuchung Throwaway Packaging, Forever Chemicals: Europaweite Erhebung von PFAS in Einwegverpackungen und -geschirr wurden Lebensmittelverpackungen sowohl auf die Gesamtbelastung mit PFAS als auch auf spezifische PFAS-Verbindungen untersucht. Die Einwegverpackungen stammten aus sechs europäischen Ländern: der Tschechischen Republik, Dänemark, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich. 42 Einwegverpackungen aus Papier, Pappe und geformten Pflanzenfasern – darunter Sandwich- und Backbeutel sowie Lebensmittelboxen zum Mitnehmen – wurden auf ihren PFAS-Gehalt analysiert. Die Proben wurden in beliebten Fast-Food-Ketten und Takeaway-Restaurants sowie Supermärkten gekauft.

Wichtigste Erkenntnisse der Studie

  • Alle 42 analysierten Proben enthielten nachweisbare Mengen an PFAS-Chemikalien – sogar die Materialien, die nicht bewusst mit PFAS behandelt worden waren. Damit ist die allgegenwärtige PFAS-Belastung der Lebensmittelverpackungsproduktion und -lieferkette belegt. Ursache hierfür könnten Kontaminationen während der Produktionsphase und/oder der Einsatz von PFAS-kontaminiertem Recyclingpapier und -karton sein.
  • Die chemische Analyse zeigt, dass 32 der 42 Artikel bewusst mit PFAS-Chemikalien behandelt wurden. Die höchsten PFAS-Konzentrationenwurden in Faserformprodukten wie Schalen, Tellern und Lebensmittelboxen gefunden. Diese werden häufig sogar als biologisch abbaubare oder kompostierbare Einwegprodukte beworben.
  • In Dänemark ist die Verwendung von PFAS in Papier- und Kartonverpackungen seit Juli 2020 verboten. Entsprechend weist die dänische Stichprobe mit 5,5 mg/kg dw den niedrigsten TOF-Gehalt (total organic fluorine) aller in der Studie analysierten Produkte auf. Dies zeigt, dass Alternativen zu PFAS-behandelten Takeaway-Verpackungen durchaus existieren und bereits auf dem Markt erhältlich sind.
  • In den Analysen wurde gezielt nach bestimmten PFAS-Chemikalien gesucht. Im Rahmen der Studie konnte nicht einmal 1 % des organischen Fluors, das in den PFAS-behandelten Proben enthalten ist, spezifischen PFAS-Verbindungen zugeordnet werden. Dies bedeutet, dass über 99 % der PFAS-Gesamtlast nicht eindeutig identifiziert wurden.

CHEM Trust drängt seit Jahren auf einen besseren Schutz von Mensch und Umwelt vor den schädlichen PFAS-Chemikalien. Im vorigen Jahr hatte das Umweltbundesamt nach Blutuntersuchungen auf eine erhebliche Belastung deutscher Kinder und Jugendlicher hingewiesen (s. hierzu CHEM Trust Europe Artikel PFAS in Kindern aus Deutschland). Auch das Fehlen EU-weit harmonisierter Vorschriften im Bereich bestimmter Lebensmittelkontaktmaterialien kritisiert CHEM Trust schon lange.

Warum sind PFAS so schädlich?

Die Verwendung von PFAS in Lebensmittelkontaktmaterialien ist vor allem deshalb problematisch, weil sie von der Verpackung in das Lebensmittel migrieren können und die Umwelt belasten. Dies erhöht die Gesamt-PFAS-Exposition der Allgemeinbevölkerung, die PFAS auch aus anderen Quellen, etwa durch Trinkwasser, ausgesetzt ist. Mehr Details dazu finden sich in einer Informationsbroschüre vom Umweltbundesamt.

„Aus unserer Sicht ist die Verwendung von PFAS-Chemikalien in Lebensmittel-Einwegverpackungen nicht akzeptabel. Die Wissenschaft hat schon vor Jahren  Zusammenhänge zwischen der Belastung durch bestimmte PFAS wie PFOA und einem Beitrag zu schweren gesundheitlichen Folgen wie Krebs und Auswirkungen auf Immunsystem, Fortpflanzung und Hormonsystem aufgezeigt“, erklärt Ninja Reineke, Vorstandsvorsitzende von CHEM Trust Europe.

Was unternimmt die EU?

Die Europäische Kommission hat im Jahr 2020 im Rahmen des European Green Deal eine neue Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit veröffentlicht, um Mensch und Umwelt besser vor problematischen Chemikalien zu schützen. Die Strategie umfasst auch eine umfassende Liste von Maßnahmen zur Bekämpfung der PFAS-Belastung. Hierzu zählt die Zusage, die Verwendung von PFAS in der EU schrittweise abzuschaffen und nur dort zuzulassen, wo sie für die Gesellschaft „essentiell“ seien. Die Diskussionen darüber, wie „essentiell“ zu definieren sei, sind noch nicht abgeschlossen. Aber die Verwendung in Lebensmittelverpackungen gehört aus Sicht von CHEM Trust definitiv nicht dazu.

Fünf europäische Mitgliedstaaten –  Dänemark, Deutschland, die Niederlande, Norwegen und Schweden – arbeiten bereits an einem REACH-Beschränkungsvorschlag für die PFAS-Gruppe. Dieser zielt darauf ab, alle PFAS für nicht-essentielle Verwendungszwecke zu beschränken (siehe auch CHEM Trust Kommentare zur geplanten Beschränkung).

 Statement von Dr. Ninja Reineke, Vorstandsvorsitzende CHEM Trust Europe

„Ein Verbot dieser nicht-abbaubaren, schädlichen PFAS-Chemikalien ist lange überfällig. Jedes Jahr, um das sich die geplante EU-Regulierung dieser Stoffklasse verzögert, erhöht die Belastung der Umwelt und Bevölkerung. Deutschland sollte dem Beispiel Dänemarks folgen und diese Stoffe schnellstmöglich zumindest für den Einsatz in  Lebensmittelverpackungen aus Papier, Pappe und Pflanzenfasern verbieten.“ 

Hintergrundinformationen

Die Studie zur PFAS-Belastung von Einwegverpackungen wurde von folgenden Organisationen erstellt: Arnika, BUND, CHEM Trust, Danish Consumer Council, Generations Futures, the Health and Environment Alliance (HEAL), the International Pollutants Elimination Network (IPEN) und Tegengif-Erase all Toxins.

Vollständiger Bericht (Englisch): Strakova, J., Schneider, J., Cingotti, N. et al., 2021. Throwaway Packaging, Forever Chemicals: Europaweite Erhebung von PFAS in Einwegverpackungen und Geschirr. 54p

Zusammenfassung (Englisch): Strakova, J., Schneider, J., Cingotti, N. et al., 2021. Throwaway Packaging, Forever Chemicals: Europaweite Umfrage zu PFAS in Einwegverpackungen und Geschirr – Zusammenfassung. 716

Details zu den Analysenergebnissen aus Deutschland, siehe Informationen vom BUND: Pressemitteilung und Faktenblatt

CHEM Trust Briefing, 2019: PFAS – die „ewigen Chemikalien“. Unsichtbare Bedrohung durch persistente Chemikalien