Heute ist Weltfrauentag! Zu diesem Anlass haben wir mit Johanna Hausmann gesprochen, freiberufliche Beraterin für Gender- und Chemikalienpolitik. Sie arbeitet unter anderem für die ökofeministische Organisation Women Engage for a Common Future (WECF) und das International Pollutants Elimination Network (IPEN). In diesem Interview möchten wir sie und ihre Arbeit zu schädlichen Chemikalien näher vorstellen.
Vielen Dank, dass du dir Zeit für dieses Interview nimmst, liebe Johanna! Wie kam es dazu, dass du zu Gender- und Chemikalienpolitik und für Organisationen wie WECF und IPEN arbeitest?
Ich habe Politikwissenschaft, Soziologie und Germanistik studiert und mich schon früh für Gender- und Umweltthemen interessiert. Und ich wollte immer gerne in einem internationalen Kontext arbeiten. Nach ein paar Jahren in der Lehre habe ich zufällig die Direktorin von WECF kennengelernt. Das war mein Türöffner für die Themen Gender- und Chemikalienpolitik und in die NGO-Szene. Später habe ich zusätzlich Aufträge zu schädlichen Chemikalien übernommen und mich Schritt für Schritt intensiver in diese Thematik eingearbeitet. Heute begleite ich immer wieder verschiedene Projekte und politische Prozesse für unterschiedliche NGOs und Netzwerke rund um den Schutz vor Schadstoffen.
Und wie lange arbeitest du jetzt schon zu diesen Themen?
Seit rund 20 Jahren. Mein erstes sichtbares Projekt ging am 8. März 2005 an die Öffentlichkeit, also passenderweise ebenfalls am Weltfrauentag. Damals hat WECF mit einer Aktion in Berlin auf dem Alexanderplatz mit dem Slogan „Frauen werden giftig“ auf Umweltgifte aufmerksam gemacht und darauf, wie Frauen besonders betroffen sind. Ich habe die Öffentlichkeitsarbeit dafür übernommen.
Dann schließt sich mit diesem Interview ja quasi ein Kreis.
Was sind denn zentrale Inhalte deiner Arbeit zu Gender- und Chemikalienpolitik? Und was machen NGOs zu diesen Themen?
Ich arbeite vor allem zum Zusammenhang von Schadstoffen und Gesundheit, mit Fokus auf Frauengesundheit und Genderaspekte, und dabei besonders zu Chemikalien in Produkten, wie etwa Weichmacher, Bisphenole und PFAS, und zwar entlang des ganzen Lebenszyklus eines Produkts, von der Herstellung bis zur Entsorgung.
Im Fokus stehen hormonell schädigende Chemikalien, auch als endokrine Disruptoren oder kurz EDCs bekannt. Diese Chemikalien ahmen die Hormone in unserem Körper nach und werden mit schwerwiegenden gesundheitlichen Auswirkungen wie Fortpflanzungs-, Fruchtbarkeits- und neurologischen Problemen, Diabetes, Fettleibigkeit und sogar einigen Krebsarten in Verbindung gebracht.
Da es meist keine Deklarationspflicht und viel zu wenige Informationen gibt, wissen viele Menschen nicht, dass schädliche Chemikalien, inklusive EDCs, zuhauf in alltäglichen Produkten wie Lebensmittelverpackungen und Kosmetika und etwa auch in Pestiziden vorhanden sind. Deswegen informieren Organisationen wie WECF über Schadstoffe in Produkten und deren Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit und setzen sich für strengere Regulierungen und Verbote von schädlichen Stoffen ein, hier in Deutschland, in der EU und auch auf globaler Ebene.
In den letzten Jahren sind zudem Kunststoffe stärker in den Mittelpunkt gerückt, die nicht „nur“ viel Müll verursachen, sondern auch zahllose schädliche Chemikalien enthalten. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist daher das Mitwirken an internationalen Prozessen für WECF und auch für andere NGOs, etwa an den Verhandlungen zu einem globalen Plastikabkommen.
Jetzt hast du WECF schon öfter erwähnt, vielleicht kannst du uns über diese Organisation noch etwas mehr erzählen?
WECF ist eine ökofeministische gemeinnützige Organisation. Neben dem Thema „Giftfreie Zukunft“, ein Slogan für die Arbeit zu Chemikalien, arbeitet WECF auch zu Klimaschutzmaßnahmen, zu Wasserthemen und nachhaltiger Entwicklung – immer aus der Perspektive der Gendergerechtigkeit. Ziel von WECF ist es, ungerechte Machtverhältnisse zugunsten von Frauen, genderdiversen Menschen und anderen marginalisierten Gruppen positiv zu verschieben.
Wie genau äußern sich diese Machtverhältnisse denn in puncto Schadstoffe? Also, welche genderspezifischen Differenzen gibt es bei der Belastung mit schädlichen Chemikalien?
Ich kann jetzt leider nur binär von Männern und Frauen sprechen, denn es fehlen uns Daten zu nichtbinären Gruppen – und zu Frauen übrigens generell auch.
Rein biologisch hat zum Beispiel der weibliche Körper ein viel stärkeres Fettgewebe als der männliche und lagert dadurch einfacher fettlösliche Stoffe ein, wie Weichmacher. Wenn diese Stoffe wie Östrogene wirken, können sie zum Beispiel das Wachstum von Brustkrebszellen anregen. Frauen haben auch eine dünnere Haut. Wenn also Frauen beispielsweise Pestizide ausbringen, können diese leichter in ihre Körper gelangen als bei Männern. Während der Menstruation, der Schwangerschaft, der Menopause sind Frauen außerdem besonders sensibel für endokrine Disruptoren, die den Hormonhaushalt stören können.
Wir wissen auch, dass Schwangere ihren ganzen „Schadstoffcocktail“ über die Plazenta an ihre Kinder abgeben können, was den Grundstein für die Entstehung von Krankheiten später im Leben oder auch für gesundheitliche Auffälligkeiten schon bei der Geburt sein kann. Daher ist es sehr besorgniserregend, dass weltweit fast alle Kinder vorbelastet zur Welt kommen.
Gibt es auch noch andere, nichtbiologische genderspezifische Unterschiede?
Ja, im Konsumverhalten. Frauen nutzen häufiger Produkte, die stärker mit schädlichen Chemikalien belastet sein können, wie Kosmetika und Menstruationsprodukte. Letztere können bis zu 90 Prozent aus Plastik bestehen und damit auch die plastiktypischen Chemikalien enthalten, also etwa Bisphenole und Phthalate.
Oder im Berufsleben. In vielen chemieintensiven Branchen arbeiten überdurchschnittlich viele Frauen. Zum Beispiel in der Textilindustrie, eine der dreckigsten Industrien überhaupt. In Kambodscha sind 90 Prozent der Arbeiter*innen in der Textilindustrie Frauen. Studien zeigen, dass Frauen aus diesem Arbeitsumfeld immer wieder an Fehlgeburten leiden oder Probleme haben, überhaupt schwanger zu werden.
Ein anderes Beispiel ist der informelle Sektor. WECF hat im Rahmen einer Feldstudie Dandora besucht, die größte Abfalldeponie in Kenia. Dort haben „Wastepickerinnen“ von monatelangen Blutungen berichtet, mitverursacht durch die Schadstoffe, denen sie permanent ausgesetzt sind, wenn der Müll sortiert, verbrannt oder geschmolzen wird.
Viele Frauen, die in diesen Sektoren arbeiten, stellen keinen Zusammenhang zwischen ihren gesundheitlichen Problemen und ihrer Arbeit her. Wie denn auch – in der Regel fehlt es an Informationen. Dann heißt es nicht selten, „Ich bin halt einfach krank“, oder „Ich kann halt einfach keine Kinder kriegen“.
Solche genderspezifischen Differenzen sind ja wahrscheinlich nicht nur in Kambodscha oder Kenia ein Problem, sondern…
…auch in Deutschland, genau. Klar, die Textilindustrie, zum Beispiel, ist eher ein Problem in Asien – aber auch bei uns in Deutschland sind die verschiedenen Geschlechter unterschiedlich mit Schadstoffen belastet.
Nehmen wir den Handel als Beispiel; da arbeiten ja viele Frauen. Ich war neulich bei einem Kleidungsgeschäft um die Ecke und dort lag ein riesiger Müllsack voller Plastikverpackungen. Und ich dachte mir direkt: Wer hat die ganze Kleidung ausgepackt – und sich dabei womöglich den Schadstoffen aus dem Plastik ausgesetzt? Vermutlich Frauen.
Auch in Kosmetikläden oder in Nagelstudios. Auch da arbeiten viele Frauen, oft mit Migrationshintergrund. Auch da wieder diese Ungerechtigkeit, dass Frauen einfach häufiger bedenklichen Substanzen ausgesetzt sind.
Oder im Gesundheitswesen, in der Pflege, das sind auch Bereiche, in denen oft Reinigungsmittel und Gesundheits- und Pflegeprodukte zum Einsatz kommen, die viele Schadstoffe enthalten. Und auch zuhause. Leider wird 70 Prozent der Hausarbeit immer noch von den Frauen gemacht. Das bedeutet: Reinigungsmittel, Staub, Feinstaub – Frauen sind da ganz anders exponiert.
Was macht WECF in Deutschland, um die Chemikalienbelastung anzugehen?
WECF setzt mehrere Projekte um. Zum Beispiel hat die Organisation ein Plastik-Tool für Schulen entwickelt, mit diversen Materialien und Spielen, die beispielsweise auch gut für Vertretungsstunden geeignet sind. Das Tool soll verdeutlichen, dass Plastik nicht „nur“ ein Müllproblem ist, sondern eben auch schädliche Chemikalien enthält und Lösungen für die Plastikkrise erarbeiten.
Es gibt auch das NESTBAU-Programm, das Kinder, die besonders sensibel gegenüber Schadstoffen sind, schützen soll. Dabei klärt WECF Eltern oder auch Menschen, die mit Kindern arbeiten, darüber auf, wie sie ihr Umfeld möglichst giftfrei, möglichst schadstofffrei gestalten können. Auf der NESTBAU-Website gibt es eine Liste von Schadstoffen, Tipps für den Alltag, News und mehr. Im Rahmen des Programms bietet WECF außerdem auch Fortbildungen in Kindergärten und Tageseinrichtungen und für Hebammen an.
Und auch hier wird die besondere Vulnerabilität von Frauen vermittelt, insbesondere von Schwangeren. Etwa hat WECF Materialien entwickelt, die darüber informieren, wie man sich im Alltag, besonders auch während der Schwangerschaft, vor schädlichen Chemikalien schützen kann.
Und wie ist das Feedback zu diesen Projekten?
Gut, sehr gut. Die Broschüre „Vorsicht! Schadstoffe im Alltag“ wurde zum Beispiel 50.000 Mal in München verteilt. Da gab es immer wieder positives Feedback, etwa E-Mails von Menschen, die sich bedankt haben für die Informationen.
Das Plastik-Tool kommt bei den Schüler*innen gut an. Und sowohl bei diesem Tool als auch beim NESTBAU-Programm konnte WECF beobachten, dass sich das Gelernte zuhause fortpflanzt, dass die Kinder das zu ihren Eltern mitnehmen.
Ich persönlich muss allerdings sagen: Eigentlich sollte es die Verantwortung der Politik sein, gesunde Produkte auf den Markt zu bringen. Deswegen ist auch die politische Arbeit so wichtig. Wenn wir eine strengere Gesetzgebung zu Chemikalien haben, sind viele Menschen besser vor Schadstoffen geschützt – in Deutschland und weltweit.
Hast du auch einige Beispiele für deine politische Arbeit – und vielleicht auch dafür, wo NGO-Arbeit (politisch) wirklich einen Unterschied gemacht hat?
Ja, die letzte Bundesregierung hat Ende 2023 einen Fünf-Punkte-Plan zum Schutz vor EDCs veröffentlicht. Damit ist zumindest das Thema ins Rollen gekommen. Und dazu haben NGOs maßgeblich beigetragen, denke ich. Ich habe WECF dabei unterstützt und werde die Arbeit auch weiterhin begleiten, um sicherzustellen, dass der Plan auch tatsächlich umgesetzt wird. Vor ein paar Monaten haben WECF, CHEM Trust, HEJSupport und PAN Germany auch ein Forderungspapier veröffentlicht, in dem sie erklären, welche Maßnahmen dringend von der Bundesregierung gebraucht werden.
Auf europäischer Ebene sind EDCs jetzt eine offizielle Gefahrenklasse. Auch dazu haben NGOs massiv beigetragen. Ebenfalls auf internationaler Ebene, zum Beispiel im Global Framework on Chemicals, wo ein Gender-Aktions-Plan erarbeitet wird, oder die starke Präsenz des Gesundheits- und Chemikalienthemas in den Verhandlungen zu einem Plastikabkommen – meines Erachtens auch Ergebnisse intensiver NGO-Arbeit.
Auch wenn meine Arbeit oft frustrierend ist, weil alles langsam vorangeht und die Widerstände groß sind: die genannten Erfolge motivieren mich dann doch immer wieder – denn sie zeigen, dass NGOs einen richtigen Unterschied gemacht haben.
Jetzt wollte ich dich, so zum Abschluss, eigentlich fragen, welche Tipps du Frauen – oder eigentlich allen Menschen – geben würdest, um sich besser vor schädlichen Chemikalien zu schützen. Aber jetzt hast du ja mehrmals gesagt, dass das eigentlich eine politische Aufgabe sein und nicht in der Verantwortung der Bürger*innen liegen sollte…
Ja, es ist Aufgabe der Politik, aber wir wissen ja, dass viele Produkte eben schädliche Chemikalien enthalten und die Gesetzgebung dazu Lücken hat. Deshalb würde ich auf die WECF-Webseite, die IPEN-Webseite und auf das WECF-NESTBAU-Portal verweisen, wo es sehr viele Informationen gibt. Und hier auf die Schnelle noch ein paar kleine Tipps:
- Ich persönlich versuche, Plastik zu vermeiden. Zum Beispiel bewahre ich Lebensmittelreste in Gläsern auf statt in Plastikcontainern, verzichte auf Plastik- und Alufolie oder versuche, im Supermarkt unverpackt oder regional einzukaufen. Das ist nicht unbedingt teurer – es ist halt anders.
- Für Kosmetika gilt: Grundsätzlich ist weniger mehr. Ich kaufe außerdem Naturkosmetik. Diese muss nicht unbedingt teurer sein. Viele Drogerieketten haben ja ihre eigenen Bio-Labels und zum Teil auch gute Produkte. Bei Menstruationsprodukten empfehle ich, wiederverwendbare zu benutzen. Dabei aber bitte auf die Inhaltsstoffe achten. Die Broschüre „Giftfreie Menstruation“ von WECF kann hier weiterhelfen.
- Was Putzmittel angeht: Wir brauchen keine 25.000 verschiedenen Putzmittel, wirklich nicht. Regelmäßiges Putzen verhindert, dass man irgendwann so richtig scharfe Mittel braucht, um den Schmutz wegzubekommen. Im Prinzip reicht ein milder Allzweckreiniger. In manchen Fällen kann man vielleicht noch Mittel wie Natron oder Essigsäure verwenden. Aber generell gilt auch hier: Weniger ist mehr.
- Bei Kleidung rate ich zu natürlichen Materialien wie (Baum-)Wolle, Leinen und Seide, vielleicht sogar zertifizierte oder Bio, denn da sind schon einmal weniger Schadstoffe drin als bei Polyester. Second-Hand-Kleidung aus Naturstoffen ist eine günstige Alternative – übrigens auch für Kinder.
- Auch bei Spielzeug würde ich versuchen, auf Plastik zu verzichten. Insbesondere auf altes Plastik beziehungsweise altes oder gebrauchtes Spielzeug, denn es gibt zum Beispiel Weichmacher, die mittlerweile nicht mehr in Spielzeug für Kinder unter 3 Jahren erlaubt sind, aber in altem noch enthalten sein können.
Das sind doch tolle Tipps. Vielen Dank dafür! Gibt es zum Schluss etwas, was du noch sagen oder ergänzen möchtest?
Ja. Ich bekomme immer wieder die Frage gestellt: Wie motivierst du dich eigentlich für deine Arbeit? Es ist tatsächlich nicht immer einfach, angesichts der nicht gerade positiven Meldungen zu schädlichen Chemikalien in den Medien; angesichts der gigantischen Lobbyarbeit der mächtigen Chemieindustrie, die nicht selten unlautere Methoden nutzt, um die Politik für ihre Interessen zu beeinflussen; und angesichts der Tatsache, dass es in der Politik nur so langsam vorangeht. Aber mein Credo ist: Es wäre alles viel schlimmer, wenn NGOs nicht da wären. Und: Es gibt durchaus Erfolge zu verzeichnen auf dem Weg zu mehr Schutz vor schädlichen Chemikalien. Das treibt mich an.
