Ein neues CHEM Trust Briefing beleuchtet die chaotische Gesetzeslage für viele Lebensmittelkontaktmaterialien in der EU.
Lebensmittelkontaktmaterialien (food contact materials auf Englisch, kurz FCM) sind Produkte, die mit Lebensmitteln bei der Herstellung, Lagerung oder Zubereitung direkt in Kontakt kommen – also zum Beispiel Maschinen und Rohre in der Lebensmittelverarbeitung, Verpackungen, aber auch Dinge wie Besteck oder Pfannen.
Lebensmittelkontaktmaterialien sind eine wichtige Quelle, über die bedenkliche Chemikalien in den menschlichen Körper gelangen können. Studien haben Schadstoffe in verschiedenen Arten von Lebensmittelkontaktmaterialien gefunden, darunter hormonell schädigende Substanzen (endokrine Disruptoren) in Silikon-Backformen, PFAS in Fast-Food-Verpackungen und bromierte Flammschutzmittel in Küchenutensilien. Die Chemikalien können aus den Materialien in die Lebensmittel migrieren, dann von uns aufgenommen werden und schließlich negative gesundheitliche Auswirkungen haben.
2023 erklärte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), dass die Gesundheit von Menschen aller Altersgruppen durch Bisphenol A (BPA) in ihrer Nahrung gefährdet ist. Am 19. Dezember 2024 hat die EU-Kommission ein Verbot von BPA und anderen Bisphenolen in Lebensmittelkontaktmaterialien verabschiedet.
Schon seit vielen Jahren setzt sich CHEM Trust daher für eine Verbesserung der Gesetzeslage zu diesen Materialien ein. Unser neues Briefing beleuchtet die Herausforderungen rund um die Regulierung von Lebensmittelkontaktmaterialien und gibt Handlungsempfehlungen.
Über 100 nationale Regelungen zu Lebensmittelkontaktmaterialien
Auf EU-Ebene gibt es harmonisierte Gesetze, einschließlich Beschränkungen von schädlichen Stoffen, nur für vier Arten von Lebensmittelkontaktmaterialien, nämlich aktive und intelligente Materialien, Plastik (inklusive regenerierter Kunststoffe), Zellglasfolien und Keramik. Für alle anderen Lebensmittelkontaktmaterialien, darunter Papier und Pappe, Metalle, Klebstoffe oder Druckfarben, existieren keine EU-weiten Vorschriften.
In der EU-Verordnung zu Lebensmittelkontaktmaterialien gibt es eine allgemeine Sicherheitsanforderung, die allerdings viel Raum für Interpretation lässt:
„Materialien und Gegenstände, einschließlich aktiver und intelligenter Materialien und Gegenstände, sind nach guter Herstellungspraxis so herzustellen, dass sie unter den normalen oder vorhersehbaren Verwendungsbedingungen keine Bestandteile auf Lebensmittel in Mengen abgeben, die geeignet sind, a) die menschliche Gesundheit zu gefährden; […]“
Um ihre Bedeutung genauer zu definieren und ihre Umsetzung zu vereinfachen, haben viele EU-Mitgliedstaaten konkretere nationale Vorschriften entwickelt. Das hat dazu geführt, dass es mittlerweile insgesamt sage und schreibe 118 nationale Regelungen für 14 verschiedene Lebensmittelkontaktmaterialien gibt. Im Durchschnitt existieren sechs nationale Bestimmungen pro Mitgliedstaat. 20 Mitgliedstaaten haben mindestens eine bis maximal 13 nationale Vorschriften, die übrigen Länder haben keine. Diese nationalen Vorschriften decken insgesamt 8.000 verschiedene Substanzen ab und umfassen unter anderem Verbote, Konzentrationsgrenzwerte, Migrationsgrenzwerte und Messnormen. Daran wird deutlich, wieviel Aufwand, aber auch wie viele Unterschiede durch das Fehlen einer EU-Harmonisierung erzeugt werden.
Nationale Regelungen haben mehrere negative Auswirkungen
Hersteller von Lebensmittelkontaktmaterialien müssen mehrere Vorschriften einhalten, wenn sie ihre Produkte in verschiedenen Mitgliedstaaten auf den Markt bringen. Beispielsweise kann es sein, dass eine bestimmte Chemikalie in einem EU-Mitgliedstaat verboten ist, in einem anderen einen Migrationsgrenzwert hat und wieder einem weiteren als Ausgangsstoff für ein Material zugelassen ist.
Wegen des „Prinzips der gegenseitigen Anerkennung” müssen außerdem auch die Vollzugsbehörden unterschiedliche Regelungen berücksichtigen. In seinem Folgenabschätzungsbericht von 2016 stellte das Europäische Parlament fest, dass das Fehlen harmonisierter Gesetze die Compliance-Kosten für Unternehmen erhöht, Binnenmarkthindernisse schafft und Innovationen hemmt.
Zudem sind aufgrund dieser uneinheitlichen Gesetzeslage nicht alle EU-Bürger*innen gleichermaßen vor schädlichen Chemikalien, einschließlich Verunreinigungen in Lebensmittelkontaktmaterialien geschützt.
Der EU-Rahmen für Lebensmittelkontaktmaterialien muss dringend überarbeitet werden
Die EU-Verordnung zu Lebensmittelkontaktmaterialien wurde seit ihrem Inkrafttreten im Jahr 2004 nicht überarbeitet. Tatsächlich sind ihre wichtigsten Regelungen schon fast 50 Jahre alt, da sie aus der ersten Richtlinie zu diesen Materialien von 1976 stammen.
In der „Farm to Fork“-Strategie von 2020 versprach die EU-Kommission eine Überarbeitung der Rechtsvorschriften über Lebensmittelkontaktmaterialien. Doch seit dem Ende der öffentlichen Konsultation zu dem Thema im Januar 2023 (zu der auch CHEM Trust beitrug) hat die Kommission keine weiteren Maßnahmen in dieser Hinsicht ergriffen.
Das Fehlen von harmonisierten Vorschriften ist ein wichtiger Grund dafür, die Verordnung zu Lebensmittelkontaktmaterialien so schnell wie möglich zu überarbeiten.
Antonia Reihlen, chemiepolitische Expertin bei CHEM Trust, sagt:
„Es ist höchste Zeit, dass die Bevölkerung nicht länger schädlichen Chemikalien aus Lebensmittelkontaktmaterialien ausgesetzt ist! Die EU-Kommission muss eine aktualisierte und schützende Gesetzgebung vorlegen. Viele Interessengruppen sind sich über die Notwendigkeit einer Überarbeitung einig, insbesondere weil harmonisierte Regelungen fehlen.“
Unsere Empfehlungen
Aus Sicht von CHEM Trust muss die EU-Verordnung zu Lebensmittelkontaktmaterialien grundlegend überarbeitet werden. Die Regelungen zum Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt sowie zur Unterstützung einer Kreislaufwirtschaft sollten dabei Folgendes beinhalten:
- Ein Verbot der gefährlichsten Chemikalien in Lebensmittelkontaktmaterialien, wie in der Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit versprochen. Dieses sollte mindestens krebserregende, genschädigende und fruchtbarkeitsstörende Stoffe (CMR), hormonell schädigende Stoffe (EDC) sowie persistente Stoffe (PBT/vPvB und PMT/vPvM) umfassen.
- Die Berücksichtigung von Mischungseffekten von Chemikalien im menschlichen Körper durch Anwendung eines Mischungsbewertungsfaktors bei jeder Risikobewertung.
- Ein Regulierungsansatz, der alle FCMs auf EU-Ebene abdeckt, statt eines „Flickenteppiches“ aus nationalen Bestimmungen.
Für mehr Informationen über die Gesetzgebung zu Lebensmittelkontaktmaterialien, abonnieren Sie unseren „Food for Thought“-Newsletter.
Mehr über schädliche Chemikalien in Lebensmittelkontaktmaterialien finden Sie hier und auf der „Toxic-Free Food Packaging“-Website.
