Eine neue Publikation aus dem Fachmagazin Science zeigt die weitreichende Belastung von Menschen mit zahlreichen bedenklichen Chemikalien auf – und belegt, dass einzelne Stoffe sich in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken und so in Kombination noch schädlicher sein können.
Im Rahmen der Studie analysierten Forscher*innen des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) Blutproben von 624 Schwangeren auf eine Reihe an Chemikalien. Sie fanden 294 Substanzen aus verschiedenen chemischen Klassen, die etwa in Körperpflegeprodukten, Lebensmitteln und Pestiziden eingesetzt werden.
Die genaue Anzahl der festgestellten Chemikalien war von Probe zu Probe unterschiedlich, doch eins hatten die untersuchten Personen gemeinsam: Sie alle hatten einen Cocktail aus verschiedenen bedenklichen Chemikalien im Blut. Die gefundene Komplexität und Diversität der nachgewiesenen Substanzen ist repräsentativ für die Chemikalienbelastung von Erwachsenen allgemein.
Die Wissenschaftler*innen nutzten dann ein zellbasiertes Testsystem, um zu prüfen, inwiefern diese Chemikalienmischungen neurotoxisch wirken, also die Struktur und Funktion des Nervensystems beschädigen können.
Das Neurotoxizität von Chemikalien in unserem Alltag ist, aufgrund der Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung und die Entwicklung des Nervensystems von Kindern, besonders besorgniserregend. Mehr dazu erfahren Sie in unserem Bericht „No Brainer” – hier geht es zum Merkblatt (auf Deutsch) und hier zum vollständigen Bericht (auf Englisch).
Sie stellten Mischungen aus Chemikalien in den Konzentrationsverhältnissen nach, die sie in den Blutproben nachgewiesen hatten, um herauszufinden, wie einzelne Stoffe in realen, komplexen Mischungen zusammenwirken. Und tatsächlich konnten die Wissenschaftler*innen feststellen, dass sich die Effekte der einzelnen Chemikalien in Mischungen addieren, sich also gegenseitig verstärken.
Mehr Informationen über Chemikaliencocktails und Mischungseffekte finden Sie auf dieser Seite.
CHEM Trust fordert politische Maßnahmen zu Mischungseffekten
Dr. Ninja, Reineke, Head of Science von CHEM Trust und Vorstandsvorsitzende von CHEM Trust Europe, sagt über die neue Studie:
„Diese Untersuchung ist sehr relevant, weil sie die chemische Analytik mit der Frage nach möglichen gesundheitlichen Wirkungen kombiniert. Die Ergebnisse bestätigen, dass Chemikalien in Mischungen schädliche Effekte haben können – selbst, wenn sie in Konzentrationen unterhalb ihrer jeweiligen Wirkschwellen enthalten sind. Wir haben solche Mischungseffekte schon oft in Umweltproben beobachtet – und diese neue Studie demonstriert, dass das Phänomen auch für hochkomplexe menschliche Proben relevant ist. Regulierungsbehörden müssen dies endlich besser berücksichtigen, um die Gesundheit von Menschen, Tiere und die Umwelt ausreichend zu schützen.“
Schon lange setzt sich CHEM Trust dafür ein, dass Mischungseffekte besser in der Gesetzgebung berücksichtigt werden. 2022 veröffentlichten wir unseren „Chemikaliencocktails“-Bericht, in dem wir dringende Maßnahmen von der EU fordern, um Menschen und die Umwelt vor der Belastung mit Chemikaliengemischen zu schützen. Unsere Analyse beinhaltet praktikable und effektive politische Lösungen, um dieses komplexe Problem anzugehen – wie zum Beispiel die Einführung eines Mischungsbewertungsfaktors (Mixture Assessment Factor, kurz MAF).
Hier finden Sie den vollständigen Bericht „Chemikaliencocktails, Toxische Mischungen – die unterschätzte Bedrohung und wie sie abgewendet werden kann“.
Mehr über die Studie, zum Beispiel über das Testverfahren und welche neuen Möglichkeiten es eröffnet, erfahren Sie in der Pressemitteilung des UFZ.
